Zwischen WOLLEN und KÖNNEN – Flüchtlingskrise

Mit einem mal ist Deutschland wieder sehr beliebt – vom Austeritäts-Zuchtmeister Europas zum gefeierten Großzügigkeitsstaat mit viel Herzlichkeit und Wärme. Man reibt sich verwundert die Augen.
Ohne Zweifel ist Europa und Deutschland in einer Ausnahmesituation. Die bisherigen Regeln und Verordnungen helfen nicht mehr in der neuen Lage. Und jetzt wird es spannend. Aus Sicht der Systemtheorie ein sehr interessanter Entwicklungspunkt. Als (fast) neutraler Beobachter kann man zunächst feststellen, dass Europa überfordert ist. Und zwar nicht Europa (was ist Europa?) sondern die EU-Kommission. Mit der Griechenland-Krise hat sie schon keine gute Figur abgegeben, aber nun versagt sie komplett. Gilt Dublin noch? Gilt Schengen noch? Seit Jahren gibt es einen Grenzzaun in Melilla und Ceuta um Flüchtlinge vom Eintritt in die Europäische Union zwischen Marokko und Spanien abzuhalten. Bisher hat das kaum jemand gestört und in der breiten Öffentlichkeit und der Politik war es wohl akzeptiert.

Sub-Saharan migrants reach MelillaFoto: Spiegel
Der 6m-Zaun in Melilla wird hier gerade überwunden.

Schließlich sollen ja die EU-Außengrenzen ‚geschützt‘ werden. Warum wird nun Ungarn dafür angeprangert, dass es seine Grenze ebenso schützt? Es ist kaum erklärbar aber es ist zu vermuten, dass vielen – Politikern wie Bürgern in Europa – nun erst richtig bewusst wird, in welchem Dilemma Europa eigentlich steckt. Es wankt zwischen Betroffenheit, Hilfsbereitschaft, Vernunft und Abschreckung. Da die Kommission hilflos bis gar nicht reagiert (die Verteilung der Flüchtlinge auf ganz Europa löst niemals das eigentliche Problem, aber es ist natürlich gut geeignet, um Politik zu machen), fangen die Staaten nun an – quasi aus der Not heraus, selber wieder zu entscheiden: Ungarn baut einen Zaun, Deutschland führt in Bayern wieder Grenzkontrollen an der Grenze zu Österreich ein, Tschechien auch,  Slowakei auch, Sachsen überlegt noch, Polen will keine Flüchtlinge aufnehmen, die Slowakei etwa 200 – aber keine Muslime usw. Stündlich kommen neue Ankündigungen. Wenn Deutschland Grenzkontrollen einführt – und es ist ja davon auszugehen, dass der Zustrom über die sogenannte Balkanroute anhält – ist es nur eine Frage der Zeit, bis Österreich Grenzkontrollen einführt (da sich ja sonst alles bei unseren Nachbarn stauen würde). Und man kann nun Wetten eingehen, wie lange es noch dauert, bis das Schengen-Abkommen nicht mehr gilt. Mein Tipp: im laufe des Jahres steigen die ersten Länder aus. Die EU wird ein Witz.
Aber noch einmal zur Systemtheorie – ein eingeschwungener, stabiler Zustand ist der angestrebte Fall. Betrachtet man Deutschland als System, wirkt der Zustrom an Flüchtlingen – interessanterweise als Flüchtlingskrise bezeichnet  – wie ein Impuls auf das System. Starke Systeme verkraften starke Impulse und stabilisieren sich dann wieder. Und das ist der Unterschied zwischen wollen und können. Natürlich will man helfen, aber Sätze wie „Es gibt keine Obergrenze“ und „Wir schaffen das“ zeugen von massloser Überschätzung. (Die Politiker lassen sich dafür feiern – und Fr.Merkel wird dafür sicher für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, aber ohne die vielen Freiwilligen wäre das System schon lange kollabiert).  Und ich bin mir nicht sicher, ob Deutschland das auch kann. Bisher ist Deutschland jedenfalls nicht wegen besonders guter Integration von Einwanderern aufgefallen und auch ist mir nicht bekannt, dass man da was ändern will (‚Die Wohnungsnot verschärft sich‚). ‚Refugees welcome‘ T-Shirts reichen da nicht und die tausenden Neuankömmlinge wollen die nächsten Jahre sicher nicht in Zelten wohnen. Die Erwartung ist ja die auf ein besseres Leben hier – jenseits von Krieg und Elend. Und da wird wohl nach der Helfer-Euphorie (oder Peinlichkeit, falls jemand die ZDF Show mit dem ‚Talent‘ Johannes B.Kerner gesehen hat.) recht bald der Realitäts-Kater eintreten. Ernüchterung macht sich inzwischen auch in der Presse breit, die sich bisher ja fast überschlagen hat mit Hilfsbekundungen und ’sich selber auf die Schulter klopfen‘: ‚Die Dinge sind aus dem Ruder geraten‚ titelt etwa das Handelsblatt. In einem weiteren Artikel wird das Helfersyndrom diskutiert (Druckausgabe 14. September, S.17). „Bleibt die Dankbarkeit aus, drohen dem am Helfersyndrom leidenden Depressionen und Burn-Out.“ Etwas mehr Reflexion täte uns allen gut. Helfen wollen ist gut, aber man muss helfen können, sonst wird es für alle Beteiligten – auch für die Flüchtlinge – sehr unangenehm.

 

Nachtrag 18.09.2015: Deutschland im Gewand des Besserwisser-Gutmenschen
Der moralische Zeigefinger Deutschlands kann einem wirklich Angst machen, vor allem wenn man bedenkt, dass dieses ‚Wir sind besser als die Anderen‘ der Ausgangspunkt vieler Konflikte ist.

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